Heute steht eine Stadtführung durch Jaisalmer an. Mahindra erwartet uns schon um 9:30 Uhr am Hotel. Leider macht Gerhards Magen nicht ganz mit, und er beschließt, sich eine Auszeit zu gönnen, um für den Kamelritt später fit zu sein.
Jaisalmer besteht aus zwei Teilen, der Oberstadt und der Unterstadt. Oben auf einem großen Felsen liegt das Jaisalmer Fort, eine Festung, die rundum durch steile Abhänge und hohe Mauern gesichert ist. Darunter breitet sich die Unterstadt aus, zu der alles gehört, was nicht oben ist.
Zu dritt marschieren wir mit Mahindra los, um schlafende Hunde und wiederkäuende Kühe herum. Hupende Tuk-Tuks und Motorräder fließen um uns herum, und die Gerüche wechseln in Sekundenschnell von interessant! zu lecker! bis igitt! Aber alles spannend. Die Wucht und Vielfalt der Eindrücke ist oft überwältigend.


Erst geht es hinauf zum Jaisalmer Fort, dem letzten historischen Fort Indiens, das bis heute wie eine Stadt bewohnt wird. Die anderen, so erzählt man uns, sind heute Museen. Leider wurden viele schöne alte Häuser in Hotels umgewandelt, und die alternde Wasser- und Abwasserversorgung, die für ca. 4000 Leute ausgelegt war, ächzt heute unter teilweise 240.000 Touristen pro Jahr, die im Fort übernachten.

Um zum Fort zu gelangen, muss man durch vier große Tore gehen, die an einer serpentinenartigen Straße liegen, und zwar immer so, dass kurz vor dem Tor eine Kurve kommt. Der Grund: Früher wurden Elefanten als Rammböcke eingesetzt, die zu zweit oder zu dritt nebeneinander mit voller Wucht gegen die großen Holztore anliefen. Eine Kurve direkt vor dem Tor erschwert das natürlich stark. Clever, die Erbauer!
Zu Fuß geht es hinauf durch die vier Tore, die den einzigen Zugang zum Fort bilden. Es gibt keinen zweiten Weg, nicht mal zu Fuß.

Oben angekommen, stehen wir auf einem kleinen offenen Platz, der dem König als Audienzplatz diente. Früher war Indien in viele kleine Königreiche und Fürstenstaaten unterteilt, eines davon Jaisalmer, mit eigenem Königshaus und eigenem Premierminister (Diwan). Die frühen Könige residierten ab 1156 oben in der Festung. Ihre Nachfahren bauten ab dem späten 18. Jahrhundert den Mandir Palace in der Unterstadt, da der Palast oben zu klein wurde und nicht erweitert werden konnte.
Wir wandern durch die kleinen Gassen des Forts. Überall wird eifrig Ware angeboten, leider oft nur Touristenkram. Kleine Cafés und Hotels gibt es an jeder Ecke. Doch plötzlich stehen wir vor einem seltsamen Bauwerk, das auf den ersten Blick gar nicht so ins Auge fällt: die sieben Jain-Tempel.

Der Jainismus entstand im selben religiösen Umfeld wie Hinduismus und Buddhismus, ist aber eine eigenständige Religion. Während der Hinduismus sehr viele Götter kennt, verehrt der Buddhismus Buddha, den „Erleuchteten“, der allerdings kein Gott ist. Die Sikhs hatten zehn menschliche Gurus („Lehrer“), als elfter gilt ihre heilige Schrift. Der Jainismus kennt 24 Tirthankaras, „Furtbereiter“: Menschen, die aus eigener Kraft Erlösung erlangt haben und anderen den Weg zeigen. Mit unseren Propheten sind sie nur bedingt vergleichbar, denn einen Schöpfergott gibt es im Jainismus nicht. Jeder Tirthankara hat ein eigenes Symbol auf dem Sockel. Vom Stier (Nr. 1) bis zum Löwen (Nr. 24) sind es meist Tiere, aber auch ein Halbmond ist dabei.

Es ist ein sehr friedliebende Religion. Das zeigt sich auch im Alltag: Viele Jains verzichten auf Wurzelgemüse wie Kartoffeln, Zwiebeln oder Möhren, denn beim Ernten wird die ganze Pflanze getötet. Besonders strenge Mönche und Nonnen tragen sogar ständig einen Mundschutz, um keine winzigen Lebewesen einzuatmen. Das machen längst nicht alle, aber im Tempel halten die Gläubigen vor den heiligen Figuren ein Tuch vor den Mund, damit ihr Atem die Figuren nicht verunreinigt.


Die sieben Jain-Tempel, die wir nun durch eine kleine Tür betreten, sind wie versteckt in die Altstadt eingebettet, sodass man sie von außen kaum wahrnimmt. Dennoch sind diese erstaunlich gut erhaltenen Bauwerke einzigartig in ihrer Architektur und Steinmetzkunst. Decken, aus einem Steinblock gemeißelt, sehen aus wie aus Holz.

Die Schreine der sieben Tempel zeigen immer wieder unterschiedliche Darstellungen der 24 Tirthankaras. Laut unserem Guide sind es insgesamt 6666 Figuren im Tempelkomplex. Die Quersumme 6+6+6+6 ergibt 24, genau die Zahl der Tirthankaras.
Nach etlichen Stunden in der Oberstadt laufen wir wieder hinunter und direkt in den Markt.


Verschiedenstes Obst und Gemüse wird angeboten, darunter auch eine seltsam aussehende grüne Knolle. Esther, wie immer neugierig, was es obsttechnisch Neues zu entdecken gibt, fragt Mahindra, der aber nur den indischen Namen kennt. Let’s try… Der Straßenhändler bricht etwas von der grünen Schale ab, und wir schälen weiter, bis ein glasig weißer, herzförmiger Kern zum Vorschein kommt. So etwas haben wir noch nie gesehen.

Erst vorsichtig geknabbert, dann herzhaft hineingebissen: Die Frucht ist nicht süß, sondern erfrischend knackig. Es ist eine Singhara, eine Wassernuss, die an einer Wasserpflanze mit schwimmenden Blättern wächst. Sie wird auch Wasserkastanie genannt, ist aber nicht dieselbe wie die knackigen Scheiben aus dem chinesischen Essen, auch wenn der Biss ähnlich ist. Lecker! Wir kaufen für 50 Rupien davon.
Weiter geht es zu den schönsten Havelis der Stadt.


Die prachtvollsten Häuser, echte Stadtpaläste, heißen Havelis. Manche sind heute Museen oder Hotels oder werden noch von den Nachfahren der Erbauerfamilien bewohnt. Alle sind mehrstöckig mit einem offenen Innenhof, damit die Luft gut zirkulieren kann.

Von außen sind sie mit ihren Steinmetzarbeiten prachtvoller als innen, und alle sind sehr alt. Wir besuchen ein paar von ihnen und staunen, wie lange diese Bauten schon stehen und wie gut die Steinarbeiten die Zeit überdauert haben.











Zurück im Hotel gönnen wir uns eine Pause und nutzen den Pool, wenn er schon so einladend aussieht.

Heute steht noch ein Highlight an: ein Kamelritt in der Wüste mit anschließendem Abendessen. Den möchte auch Gerhard nicht verpassen.
Um 16:30 Uhr holt uns unser Fahrer am Hotel ab, und es geht gemächlich rund 40 km in die Wüste. Meist ist es Busch- und Steinwüste, doch an manchen Stellen gibt es tatsächlich größere Sanddünen. Pünktlich 30 Minuten vor Sonnenuntergang kommen wir bei unseren Dromedaren an (die einhöckrigen Kamele, Trampeltiere haben zwei Höcker), und jeder besteigt sein Reittier.



Achtung, festhalten! Erst geht es hinten hoch, sodass man sich ganz weit nach hinten lehnen muss, dann kippt man nach vorne, wenn auch das Vorderteil aufsteht. Unsere Dromedare Michael Jackson, Sultan, Rico und Rockstar sind entspannte und sehr friedliche Zeitgenossen, und so schaukeln wir alle dem Sonnenuntergang auf der Düne entgegen, zusammen mit etwa 100 anderen Touristen auf ihren Tieren.

Trotzdem ist es interessant zu erleben, wie sich ein Dromedar anfühlt und wie Reisende jahrhundertelang langsam durchs Land gezogen sind, wenn man die Augen schließt. Es hat etwas sehr Entschleunigendes.

Oben auf der Düne angekommen ist Fototime! Unsere Guides wissen ganz genau, wie sie uns und ihre Dromedare in Szene setzen müssen.


Na ja, fast alle, Annettes hatte definitiv eine Sehschwäche.

Chris hasst diese Instagram-Posen wie die Pest, macht aber ausnahmsweise gute Miene zum touristischen Spiel.

Wir machen einen Haufen sehr ansprechender Fotos und lauschen lokalen Maultrommelklängen. Trotz des offensichtlichen Touristenandrangs ist es ein schönes Erlebnis mit einem tollen Sonnenuntergang.

Nach etwa einer Stunde sind wir wieder am Parkplatz. Dort ist schon alles für eine große Folkloreshow mit rund 50 Plastikstühlen vorbereitet: unser Wüstendinner. Nicht so unser Ding – wir stehlen uns heimlich davon und gönnen uns ein leckeres Abendessen neben unseren Hotel in Jaisalmer. Was für ein Glück, dass wir unseren eigenen Fahrer Satish haben!




